Es war einmal ein Einhorn,
das letzte seiner Art,
füllig voll gefressen,
und sensibel, extra zart.Sein Schweif so farbenfroh,
die Augen leuchtend, lichterloh,
sein Horn höchst makellos,
und vom Gemüt ganz lebensfroh.Es barg nur einen Makel,
ein furchtbar peinliches Debakel:
Beissen, scheissen, fluchen, pupsen,
war dem Einhorn sehr verlegen,
so durfte es nicht einfach leben!“Niedr’e Gefilde, ohne Pepp,
diesen Schandfleck mach’ ich weg!”
Schwubs war diese Seite,
weggesperrt im Niemandsland,
und wuchs dort ungestüm heran:
“Der Hass, die Wut, die Aggression, …
ach, diese animalischen Dinge, ihr wisst doch schon!”
So lebte es – das letzte seiner Art -,
majestätisch, einsam, zart,
im Zirkuszoo von Mr. Eisenhart.Dort hatte es, wie kann es anders sein,
genug zu fressen und war scheinbar nicht allein:
All das and’re exotische Gefieder,
lautes Lachen und die Zirkuslieder,
stimmten es ganz brav und fein,
auf die dicken Gitterstäbe ein.Eines Tages – es war schon später Morgen -,
kam kein Mr. Eisenhart, um es zu versorgen,
alsbald der Hunger nagte, kratzte, fauchte,
ein Wunder, dass sich das Einhorn diese Regungen erlaubt!Eine böse Stimme erhob ganz kühn das Wort:
“Es ist so ungemütlich hier, warum gehen wir nicht einfach fort!?”
Worauf die gute Stimme ganz beflissen sagte:
“Nein, nein… alles ist ganz fein! Verlasse nicht, den trauten Kerzenschein!”Ab diesem Punkt – ihr ahnt es schon -,
ließ der Zwiespalt das Einhorn nicht mehr los.
Es wurde sprunghaft, sogar störrisch,
und selten, naja immer öfter, sogar mürrisch.Die dunkle Stimme tobte täglich lauter,
nahm sich Raum, im Wachen und im Traum.
So innerlich zerrissen, mit den Zähnen festgebissen,
war es, zwischen Körper und Gewissen.Der inn’re Spalt, alsbald so groß geworden,
trieb das Einhorn fast zum Jagen und zum Morden,
wart zum Schreckensross gewandelt,
hatte mit dem Teufel angebandelt.Doch eines Nachts bei Mondenschein,
schaute eine kleine Spinne namens Nym herein,
kecke Neugier hatte sie gerufen,
als sie das Einhorn hörte fluchen.
Als sie das dunkle Wesen sah,
vom Mondenschein erleuchtet,
kauernd, tobend, schäumend,
doch die Schicksalfäden gleißend klar,
erweichte sich das kleine Spinnenherz,
und sie sang im stillen Terz:
“Webe, wirke, weine, wache,
singe, klinge, schwinge, lache!”
Wie sanfte Schwingen bewegte sich die Melodie,
von Netz, zu Netz, und immerfort,
ganz nahe und fern zu einem geheimem Ort,
dorthin wo alle Netze enden und beginnen,
und das große Herz begann erneut zu klingen.
Wie aus einem Fiebertraum erwacht,
schaut das Einhorn plötzlich in die klare Nacht,
hatte den stillen Ruf vernommen,
ihre Herz nun warm, ihr Geist besonnen.
So raunte es mit voller Stimme,
an alle und an sich gewandt:
“Ich spüre mich, drum lebe ich…”
“und mehr… brauch’ ich nicht.”
So tanzt es vor Freude,
durch den ganzen Zirkuspark,
fühlt sich ganz makellos,
und irgendwie auch extra stark.
Für das letzte Einhorn in jedem von uns. Möge es seine Schwingen ausbreiten und fliegen, und sich gleichzeitig auf dem erdigen Boden der Tatsachen im Schlamm suhlen dürfen.
